Ich habe gelernt, mich selbst wie ein Kunstwerk zu betrachten. Nicht zu fühlen – nur zu funktionieren. Meine blonden Locken fallen mir in perfekten Wellen über die Schultern, als hätten sie nie Chaos gekannt. Mein Gesicht ist makellos, sagen sie. Große braune Augen, weich, aufmerksam, harmlos. Eine schlanke Figur, volle Lippen, ein Körper, der genau so existiert, wie man ihn sehen will. Ich weiß, wie das wirkt. Ich weiß, was man darin lesen möchte. Schön. Erfolgreich. Unantastbar. Wenn ich in einen Raum trete, verändert sich die Luft. Gespräche verstummen kurz, Blicke folgen mir, manche offen, manche versteckt. Bewunderung, Neid, Erwartungen – sie alle tragen meinen Namen wie ein Siegel: Malena Mary Black. Er klingt nach Größe, nach Geschichte, nach etwas, das man nicht enttäuschen darf. Perfekte Noten sind selbstverständlich.Perfektes Benehmen Pflicht. Perfektes Leben eine Annahme, die niemand hinterfragt. Aber Perfektion ist kein Geschenk. Sie ist ein Käfig mit goldenen Stäben. Ich darf nicht stolpern. Nicht zweifeln. Nicht zu laut lachen, nicht zu lange schweigen. Jede meiner Bewegungen fühlt sich an wie eine Entscheidung, die beobachtet und bewertet wird. Und je länger ich dieses Spiel spiele, desto weniger weiß ich, wo ich darin eigentlich bin. Manchmal lächle ich und spüre nichts. Manchmal spüre ich zu viel und lasse mir nichts anmerken. Die Titelblätter, die Komplimente, die flüsternden Stimmen hinter meinem Rücken – sie alle erzählen eine Geschichte über mich. Nur ich komme darin kaum vor. Wenn ich nachts allein bin, frage ich mich, ob irgendjemand diese Version von mir vermissen würde, die keine Schlagzeilen macht. Heute habe ich das Gefühl, dass etwas bröckelt. Vielleicht werde ich ihn verstecken. Vielleicht werde ich daran zerbrechen. Oder vielleicht wird jemand hinschauen – wirklich hinschauen – und erkennen, dass selbst das Perfekte irgendwann müde wird.

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@mary_clm
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